Anleitung zum Loben

Mittlerweile gibt es viele Seiten für Jugendtrainer, die immer mal wieder auf die sozialen und persönlichkeitsbildende Aspekte des Jugendfußballs eingehen. Als Beispiele seien hier folgende erwähnt:

– Michi von mfsfussballtraining.tv: Richtiger Umgang mit Kindern und Eltern – Leitsätze für den Jugendtrainer

– Markus Neuser bei boppardinho.de: Eltern am Spielfeldrand

– Sven Bluhm bei soccerdrills.de: Ratgeber für Fußballeltern – Jubeln bei deinem Kind – Auf und neben dem Platz

Ich finde alle diese Seiten hilfreich und gut (Großes Lob an die Protagonisten!) und trotzdem fehlt mir noch etwas – die Erklärung für das Verhalten von Eltern, Trainern, Spielern und Zuschauer. Heute möchte ich mit dem Thema Loben beginnen.

Warum wird in Deutschland so wenig gelobt? – nicht nur auf dem Sportplatz, zu Hause oder „auf Arbeit“. Weil wir es nicht gelernt haben! Ich spreche hier absichtlich von „wir“, weil auch ich es nicht gelernt habe und mich immer wieder erwische, dass ich negativ oder nicht verständlich kommuniziere. Die Sozialisation in Deutschland bereitet uns darauf nicht vor.

Ein kleiner Test: Was sehen Sie hier?

2 + 4 = 6

1 + 6 = 7

5 + 3 = 8

3 + 4 = 9

5 + 5 = 10

Schauen Sie es sich nochmals an. Was haben Sie gesehen? Die meisten Menschen in Deutschland, die rechnen können (auch Kinder) sagen, hier ist eine Rechenaufgabe falsch – 3+4 gibt nicht 9 sondern 7. Falls Sie mir nicht glauben, probieren Sie diesen Test in Ihrem Umfeld aus.

Hier sind aber 4 Aufgaben von 5 RICHTIG. Das sind 80% richtige Lösungen und nur 20% sind falsch und wir schenken den 20% unsere Aufmerksamkeit – das darf doch wohl nicht wahr sein (auch unter Berücksichtigung des Paretoprinzips macht das keinen Sinn).

Warum ist das so? Aus meiner Sicht ist hierfür unsere Sozialisation verantwortlich. In der Schule werden die Fehler mit rot (Ampel darf man nicht fahren – negativ) markiert. Es wäre auch möglich richtige Lösungen mit grün (Ampel darf man fahren – positiv) zu kennzeichnen. Die Eltern loben ihre Kinder selten, weil sie selbst auch selten gelobt werden. Oder welcher Erwachsene kann von sich behaupten, dass er im Beruf oft gelobt wird. Weiterhin können viele Menschen mit Lob nicht umgehen, weil sie es nicht gewöhnt sind. Apropos wann haben Sie zum letzten Mal Ihre Ehefrau/-mann oder Freund/in gelobt? Wann haben Sie sie/ihn das letzte Mal (negativ) kritisiert (das Wort Kritik ist eine Beurteilung und nicht von Hause aus negativ – deshalb die Klammer)? Leider könnte ich diese Liste ohne Probleme noch viel länger machen (z.B. „nicht geschimpft ist Lob genug“; die Suche nach dem Schuldigen; wo sind die positiven Nachrichten in den Medien (Zeitung/Fernsehen)?; im Jammern ist Deutschland Weltmeister usw.).

Die Sozialisation ist für mich der Grund, dass loben so schwer ist und nicht einfach mit Sätzen wie „Lobt die Kinder so oft wie möglich.“, „Raube deinem Kind nicht schon in jungen Jahren die Kreativität …“ und „Eltern sollen loben, nicht kritisieren“ für uns (die) Eltern zu Verhaltensänderungen führt. Mir hilft neben der Übung oben, in der ich jetzt 4 richtige Lösungen sehe auch die Geschichte von Gottfried Roller „Die Geschichte von Emil und Eugen oder was Kinder stark macht!“ (siehe Seite 2 des pdf). Emil wird immer gelobt und gewinnt an Selbstsicherheit und Lebensfreude, während Eugen immer (negativ) kritisiert wird und beides verliert. “Die Geschichte beinhaltet einige Beispiele wie man loben kann.

Ein paar Beispiele aus dem Jugendtraining mit Verbesserungsvorschlag:

– anstatt „und jetzt die Übung mit dem schlechten Fuß/Bein“ kann man „… mit dem anderen Fuß/Bein“ oder noch konkreter „… mit dem linken Bein/Fuß“ sagen.

– anstatt „konzentriert euch mal“ (wie geht denn konzentrieren? Bringt mir das beim Fußball etwas?) kann man Verbesserungsvorschläge geben wie z.B. „setze den Standfuß so neben den Ball, dass die Fußspitze Richtung Tor zeigt und schwinge mit dem Schussbein gerade nach“.

– anstatt „wie ist das Spiel heute ausgegangen?“ oder „wie habt ihr gespielt?“ kann man auch Fragen stellen, die nicht das Ergebnis in den Mittelpunkt stellen. „Hat dir das Spiel heute Spaß gemacht?“, „was ist dir heute besonders gut gelungen?“ oder „konntest du vom Training etwas im Spiel anwenden?“ Danach ist es leichter zu loben, als wenn ich ein Ergebnis genannt bekomme.

– anstatt „an deinem linken Fuß müssen wir noch arbeiten“ kann man „mittlerweile spielst du beidbeinig. Das finde ich klasse und ich gehe davon aus, dass du auch bald dein erstes Tor mit dem linken Fuß erzielen wirst. Die Pässe kommen schon sehr genau an.“ sagen.

– „was soll das?“ oder „so ein schlechter Pass?“ wird zu „der Gedanke war gut. Beim nächsten Mal mit dem Spann, dann kommt der Ball an.“

– kommentieren Sie leichte Bälle mit „gut gemacht“ oder „schön gespielt“ das bringt Sicherheit (vor allem am Spiel- oder Trainingsbeginn). Anstatt dies als Selbstverständlichkeit oder Normalität zu betrachten.

Ich würde mich über weitere Beispiele von Ihnen/Euch im Kommentar freuen, denn damit können wir alle lernen. Und bedenken Sie, auch loben braucht Training. Stehen Sie also auf und loben den nächsten Menschen der Ihnen über den Weg läuft und vor allem Ihre Kinder/Fußballer im nächsten Training und Spiel am besten von Anfang an.

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